Coldcard-Sicherheitsfehler kostet Bitcoin-Nutzer bis zu 89 Millionen Dollar

Coldcard-Nutzer müssen wegen eines schweren Bitcoin-Hardware-Wallet-Sicherheitsfehlers reagieren, weil betroffene Seed-Phrasen private Schlüssel berechenbar machen können. Coinkite hat feste Firmware-Versionen veröffentlicht, warnt aber ausdrücklich: Ein Update repariert bereits erzeugte Seeds nicht. On-Chain-Analysen beziffern die bisherigen Diebstähle inzwischen auf bis zu 89 Millionen Dollar über mehr als 1.000 Bitcoin-Adressen. Betroffene Nutzer sollen auf gepatchter Firmware eine neue Seed-Phrase erzeugen und ihre Bitcoin dorthin verschieben.

Coldcard-Fehler schwächte die Zufallswerte für Seed-Phrasen

Coldcard ist eine Bitcoin-only-Hardware-Wallet des kanadischen Herstellers Coinkite. Solche Geräte sollen private Schlüssel offline erzeugen und schützen. Der aktuelle Vorfall trifft daher den Kern des Sicherheitsversprechens: Die Erzeugung einer ausreichend zufälligen Seed-Phrase.

Für Krypto-Sicherheit ist Zufall kein Detail. Eine Seed-Phrase ist nur dann sicher, wenn sie aus genügend nicht vorhersagbarer Entropie entsteht. Fällt die Zufallsquelle auf berechenbare Werte zurück, kann ein Angreifer Kandidaten offline erzeugen, daraus Bitcoin-Adressen ableiten und diese mit öffentlichen Blockchain-Daten vergleichen.

Nach der technischen Analyse von Block Engineering lag das Problem in der Integration des Zufallsgenerators. Die Firmware nutzte demnach in bestimmten Pfaden nicht den vorgesehenen STM32-Hardware-RNG. Stattdessen griff sie auf MicroPythons deterministischen Yasmarang-Fallback zurück. Dieser Fallback wurde unter anderem aus Gerätekennung und Timer-Werten initialisiert. Das sind keine kryptografisch starken Geheimnisse.

Die Folgen unterscheiden sich nach Coldcard-Generation und Firmwarestand. Besonders betroffen sind Mk2 und Mk3 mit Firmware 4.0.0 bis 4.1.9. Coinkite nennt für Mk2 und Mk3 offiziell Version 4.0.1 bis 4.1.9 als gefährdeten Bereich. Block führt den technischen Beginn auf 4.0.0 zurück. Für Nutzer zählt deshalb vor allem der Zeitpunkt der Seed-Erzeugung und nicht nur der heutige Firmwarestand.

Die wichtigsten Punkte im Überblick:

  • Coldcard Mk2 und Mk3 sind bei Seeds aus Firmware 4.0.x bis 4.1.9 besonders gefährdet.
  • Mk4, Mk5 und Q sind nach Coinkite ebenfalls betroffen, aber weniger stark.
  • Firmware-Updates korrigieren neue Seed-Erzeugung, reparieren aber keine alten Seeds.
  • 50 unabhängige private Dice Rolls können laut Coinkite eine betroffene Seed-Erzeugung ausreichend abgesichert haben.
  • Starke BIP-39-Passphrasen erhöhen die Hürde, ersetzen aber keine Migration auf einen neuen Seed.
  • TAPSIGNER, OPENDIME und SATSCARD sind laut Coinkite nicht betroffen.
Coldcard-ModellBetroffener StandCoinkite-Empfehlung
Mk2 und Mk3Seeds aus Version 4.0.1 bis 4.1.9 laut Coinkiteauf 4.2.0 oder neuer aktualisieren und neue Seed-Phrase erzeugen
Mk4 und Mk5 StandardSeeds vor Version 5.6.0auf 5.6.0 oder neuer aktualisieren und gefährdete Seeds migrieren
Q StandardSeeds vor Version 1.5.0Qauf 1.5.0Q oder neuer aktualisieren und gefährdete Seeds migrieren
Mk4 und Mk5 EdgeSeeds vor Version 6.6.0Xauf passende Edge-Version 6.6.0X oder neuer aktualisieren
Q EdgeSeeds vor Version 6.6.0QXauf passende Edge-Version 6.6.0QX oder neuer aktualisieren

Die Diebstahlserie macht die Schwäche praktisch greifbar. The Hacker News berichtet unter Berufung auf Galaxy Research, dass ein Angreifer am 30. Juli in 41 Minuten 1.196 Bitcoin-Adressen leerte und dabei 1.082,65 BTC abzog. Coindesk meldete zunächst rund 594 BTC aus etwa 500 Wallets. Spätere Analysen schätzten die gesamte Angriffswelle auf 1.000 bis 1.300 BTC und damit grob 70 bis 90 Millionen Dollar.

Diese Beträge bleiben Schätzungen aus On-Chain-Analysen. Die Blockchain zeigt Transaktionen, Beträge und Adressen. Sie zeigt aber nicht automatisch, welche Geräte jeden Seed erzeugt haben. Deshalb ist wichtig: Coinkite bestätigt den Firmwarefehler und die Gefahr für betroffene Seeds. Die genaue Zuordnung jeder geleerten Adresse zu Coldcard bleibt eine Analysefrage.

Block Engineering beschreibt den Angriffspfad dennoch klar. Ein Angreifer kann mögliche Ausgabeströme des schwachen Zufallsgenerators nachbauen, daraus mögliche Seeds erzeugen, Adressen ableiten und Treffer gegen die öffentliche Bitcoin-Blockchain prüfen. Bei einem Treffer reicht der private Schlüssel aus, um die zugehörigen Bitcoin zu verschieben.

Das unterscheidet den Vorfall von einem klassischen Datenleck. Es wurden nach bisherigem Stand nicht zentrale Server mit Seed-Phrasen gestohlen. Das Risiko entsteht aus einer zu kleinen oder berechenbaren Menge möglicher Seeds. Genau dadurch wird ein eigentlich astronomischer Suchraum auf einen praktisch angreifbaren Bereich reduziert.

Betroffene Nutzer müssen neue Seeds erzeugen und Coins verschieben

Coinkites wichtigste Aussage lautet: Ein Firmware-Update allein genügt nicht. Die neue Firmware korrigiert die Erzeugung künftiger Seed-Phrasen. Sie verändert aber nicht die alte Seed-Phrase, die bereits Geld kontrolliert. Wer eine gefährdete Seed-Phrase weiter nutzt, behält das Risiko auch auf einem aktualisierten Gerät.

Betroffene Nutzer sollten daher zuerst die Firmware aus offizieller Quelle aktualisieren. Danach müssen sie auf gepatchter Firmware eine neue Seed-Phrase erzeugen, diese sauber sichern und die Bitcoin auf eine geprüfte neue Empfangsadresse übertragen. Coinkite empfiehlt bei einer Ein-Geräte-Migration zunächst eine kleine Testtransaktion. Erst danach sollte der Restbetrag folgen.

Besondere Vorsicht gilt bei Seeds, die in andere Wallets importiert wurden. Wird eine schwache Coldcard-Seed-Phrase in Sparrow, Nunchuk, Electrum oder eine andere Wallet übernommen, bleibt sie schwach. Die Verwahrung in anderer Software macht die ursprüngliche Entropie nicht besser. Auch ein Restore auf neuer Hardware repariert die alte Zufallsbasis nicht.

Nutzer mit BIP-39-Passphrase sind besser geschützt, falls die Passphrase stark, einzigartig und nicht erratbar ist. Coinkite betont aber, dass auch diese Nutzer migrieren sollen. Eine kurze, wiederverwendete oder bekannte Passphrase kann von Angreifern zusammen mit Seed-Kandidaten getestet werden. Der Coldcard-PIN ist dabei nicht gemeint. Er schützt das Gerät, nicht die mathematische Stärke des Seeds.

Dice Rolls sind der zweite Sonderfall. Coinkite sieht Seeds nicht als durch dieses RNG-Problem gefährdet an, wenn Nutzer bei der Erzeugung mindestens 50 faire, unabhängige und private Würfelwürfe hinzugefügt haben. Wer sich nicht sicher erinnert, sollte nicht auf diese Ausnahme vertrauen. Bei weniger als 50 Würfen oder unklarer Vorgehensweise empfiehlt Coinkite die Migration.

Für Nutzer mit größeren Beträgen zählt vor allem Reihenfolge und Ruhe. Hektisches Kopieren der Seed-Phrase in Websites, Chatbots oder unbekannte Tools wäre gefährlich. Offizielle Firmware prüfen, Backup kontrollieren, neue Seed-Phrase offline erzeugen, kleine Testtransaktion senden, Empfang bestätigen und erst danach den Rest verschieben. Diese Reihenfolge senkt das Risiko zusätzlicher Fehler.

Der Vorfall trifft auch die Debatte über Selbstverwahrung. Nach FTX zogen viele Anleger Bitcoin von Börsen ab und setzten stärker auf Hardware-Wallets. Jetzt zeigen On-Chain-Daten laut Coindesk und CryptoQuant den umgekehrten Reflex: Viele kleine Bitcoin-Transfers gingen wieder zu Börsen. Das bedeutet nicht, dass Börsen sicherer sind. Es zeigt aber, wie stark Vertrauen in einzelne Hardware-Wallets von Implementierungsdetails abhängt.

Auch andere Risiken im Bitcoin-Markt bleiben davon getrennt. Die jüngsten Bitcoin-Liquidationen über 286 Millionen Dollar waren ein Markt- und Hebelthema. Der Coldcard-Fall ist dagegen ein technischer Schlüsselvorfall. Beide Ereignisse können Anleger verunsichern, haben aber unterschiedliche Ursachen und unterschiedliche Schutzmaßnahmen.

Für Coinkite wird entscheidend, wie transparent die formale technische Nachanalyse ausfällt. Block nennt seine Analyse ausdrücklich vorläufig und verweist auf Coinkites endgültigen Bericht. Coinkite hat Notfallfirmware bereitgestellt und Migrationshinweise veröffentlicht. Offen bleibt, wie viele alte Seeds noch Bitcoin kontrollieren und wie lange Angreifer weiter nach verwundbaren Adressen suchen.

Der praktische Schluss ist hart, aber eindeutig. Wer eine Coldcard-Seed-Phrase auf betroffener Firmware erzeugt hat und keine sichere Dice-Roll- oder starke Passphrase-Ausnahme belegen kann, sollte die Wallet als gefährdet behandeln. Der sichere Zustand entsteht erst nach neuer Seed-Erzeugung auf gepatchter Firmware und nach vollständigem Transfer der Bitcoin auf neue Adressen.