Ein iranisches Netzwerk aus mehr als 2.000 illegalen Glücksspielseiten soll Teil einer Kryptooperation mit einem Volumen von mindestens vier Milliarden US-Dollar sein. Das geht aus einer am Freitag, 31. Juli 2026, veröffentlichten Untersuchung von Reuters hervor. Im Zentrum steht die in Dubai registrierte Krypto-Börse Shelbit. Shelbit soll seit Mai 2024 Kryptowährungen im Gesamtwert von mindestens vier Milliarden Dollar verarbeitet haben. Die Summe stammt nicht ausschließlich aus Glücksspiel. Blockchain-Daten verbinden jedoch mehrere zehn Millionen Dollar aus dem Glücksspielnetzwerk direkt mit der Börse. Eine einzelne Glücksspielseite soll mindestens 130 Millionen Dollar über Shelbit bewegt haben.
Die Recherche zeigt eine Verbindung zwischen illegalem Online-Glücksspiel, iranischen Zahlungsdiensten, Krypto-Mining und internationalen Handelsplattformen. Solche Strukturen erschweren die Durchsetzung von Sanktionen und Kontrollen gegen den illegalen Glücksspielmarkt.
Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:
- Mehr als 2.000 Seiten: Die persischsprachigen Angebote teilten technische Infrastruktur und Software.
- Mindestens vier Milliarden Dollar: Diesen Gesamtbetrag soll Shelbit seit Mai 2024 verarbeitet haben.
- Mindestens 130 Millionen Dollar: Dieser Betrag entfiel laut Blockchain-Analyse auf eine einzelne verbundene Glücksspielseite.
- 676 Millionen Dollar: So viel soll aus Shelbit-Wallets an Adressen der Börse Binance geflossen sein.
- Iranische Zahlungswege: Glücksspielseiten konnten offenbar auf das streng kontrollierte Zahlungssystem des Landes zugreifen.
- Keine Lizenz in Dubai: VARA ordnete Shelbit die sofortige Einstellung seiner Aktivitäten an.
- Staatsverbindung nicht abschließend belegt: Reuters konnte eine direkte Kontrolle durch die Revolutionsgarden nicht zweifelsfrei feststellen.
| Bestandteil des Netzwerks | Ermittelte Verbindung | Status |
|---|---|---|
| Glücksspielseiten | mehr als 2.000 technisch verbundene Domains | durch Reuters und Infoblox untersucht |
| Shelbit Exchange | mindestens vier Milliarden Dollar verarbeitet | von VARA als nicht lizenziert eingestuft |
| Iranische Zentralbank | mindestens 125 Millionen Dollar an Transaktionen | laut Blockchain-Analysten |
| Mutmaßlicher Mining-Betrieb | mindestens 20 Millionen Dollar über Zwischenwallets | Quelle laut Analysten nicht abschließend bestätigt |
| Binance | mindestens 676 Millionen Dollar aus Shelbit-Adressen | Binance bestätigt keine direkte Kundenbeziehung |
| Revolutionsgarden | Kontakte zu von Israel zugeordneten Wallets | direkte Kontrolle des Netzwerks nicht bewiesen |
Shelbit verband Glücksspielseiten mit internationalen Kryptomärkten
Die Glücksspielseiten boten Spielautomaten, Blackjack, Roulette und weitere Spiele auf Persisch an. Glücksspiel ist im Iran grundsätzlich verboten. Eine Gesetzesänderung aus dem Jahr 2023 bezog Onlinewetten ausdrücklich ein.
Trotz dieses Verbots konnten die untersuchten Seiten Zahlungen über iranische Banken und Zahlungsanbieter annehmen. Das iranische Zahlungssystem steht unter enger Kontrolle der Zentralbank. Reuters beschreibt diesen Zugang als einen wichtigen Bestandteil des Netzwerks.
Die Glücksspielseiten traten unter unterschiedlichen Namen und Domains auf. Infoblox fand jedoch gemeinsame technische Merkmale. Dazu gehörten identische Softwarebestandteile, ähnliche Domainstrukturen und verbundene Systeme für Zahlungen und Nutzerverwaltung.
Mehr als 60 iranische Influencer sollen die Angebote über soziale Netzwerke beworben haben. Rund die Hälfte dieser Personen verfügte laut Reuters über mehr als eine Million Follower. Besonders sichtbar waren Sasha Sobhani und Pooyan Mokhtari.
Ein iranisches Gericht verurteilte Sobhani, Mokhtari und Shelbit-Gründer Siavash Kayvanpour im Jahr 2023 wegen ihrer Rollen in einem illegalen Glücksspielverfahren. Sobhani und Mokhtari bestritten gegenüber Reuters eine Beteiligung an Geldwäsche, Sanktionsumgehung oder staatlichen Finanzoperationen.
Beide erklärten zudem, Kayvanpour und Shelbit nicht zu kennen. Sobhani bezeichnete seine frühere Tätigkeit für eine der Seiten als bezahlte Werbung. Er bestritt eine Funktion als Eigentümer, Manager oder Betreiber.
Blockchain-Analysten fanden mehrere weitere Geldströme:
- Mindestens 125 Millionen Dollar sollen aus Wallets der iranischen Zentralbank zu Shelbit gelangt sein.
- Mindestens 20 Millionen Dollar sollen aus einem mutmaßlichen iranischen Krypto-Mining-Betrieb stammen.
- Shelbit-Wallets standen mit der iranischen Börse Nobitex in Verbindung.
- Einige Kontakte führten zu Wallets, die Israel den iranischen Revolutionsgarden zuordnet.
- Mindestens 676 Millionen Dollar flossen aus Shelbit-Adressen zu Binance.
Reuters konnte nicht feststellen, wer sämtliche Wallets tatsächlich kontrollierte. Auch der endgültige Empfänger großer Teile des Geldes blieb offen. Die Analyse zeigt Transaktionswege auf öffentlichen Blockchains. Sie belegt nicht in jedem Fall die Identität der Personen hinter den beteiligten Adressen.
Die befragten Ermittler sehen Shelbit dennoch als zentrale Drehscheibe. Die Börse besaß zuletzt keine öffentlich nutzbare Webseite. An der registrierten Adresse in Dubai fanden Reuters-Reporter ein kleines Büro mit einer verbundenen Firma für Uhrenhandel. Mitarbeiter vor Ort erklärten, Shelbit nicht zu kennen.
Dubai verhängt Geldstrafe und ordnet sofortige Einstellung an
Die Virtual Assets Regulatory Authority in Dubai hatte Shelbit bereits am 2. Januar 2025 zur Einstellung nicht lizenzierter Aktivitäten aufgefordert. Eine weitere Kontrolle ergab laut Behörde eine Fortsetzung des Betriebs.
VARA nennt drei konkrete Verstöße:
- Bereitstellung von Krypto-Diensten ohne gültige Lizenz
- Aufnahme von Kunden ohne vorgeschriebene Identitätsprüfung
- Werbung für Krypto-Dienste ohne behördliche Genehmigung
Die Aufsicht verhängte daraufhin eine nicht bezifferte Geldstrafe. Shelbit muss sämtliche nicht lizenzierten Aktivitäten in oder aus Dubai sofort einstellen. VARA sieht neben Verbraucherrisiken auch Gefahren durch grenzüberschreitende Finanztransaktionen.
Die regulatorische Maßnahme bestätigt nicht sämtliche Ergebnisse der Reuters-Untersuchung. Sie belegt jedoch, dass Shelbit ohne erforderliche Genehmigung arbeitete und vorgeschriebene Kontrollen zur Kundenidentifikation nicht einhielt.
Binance erklärte gegenüber Reuters, Shelbit habe kein eigenes Kundenkonto bei der Plattform besessen. Das Unternehmen bestritt nicht, Transaktionen im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar aus verbundenen Wallets verarbeitet zu haben.
Binance erklärte zudem, betroffene Konten untersucht, teilweise eingefroren und den Behörden gemeldet zu haben. Eine externe Blockchain-Analysefirma habe die Geldströme zunächst nicht als besonders riskant eingestuft. Den Namen des Dienstleisters nannte Binance nicht.
Der Fall zeigt ein grundlegendes Problem bei Krypto-Zahlungen im illegalen Glücksspiel. Betreiber können zahlreiche Domains, wechselnde Marken und mehrere Wallets verwenden. Internationale Börsen sehen dabei einzelne Transaktionen. Die Verbindungen zum vollständigen Netzwerk werden oft erst durch langfristige Analysen sichtbar.
Ähnliche Probleme bestehen auch in Europa. Hohe Abgaben, Werbebeschränkungen und unzureichende Kontrollen können den Schwarzmarkt für Sportwetten und Online-Glücksspiel stärken. Das iranische Netzwerk besitzt durch Sanktionen und staatliche Verbindungen jedoch eine zusätzliche geopolitische Dimension.
Das US-Finanzministerium erklärte gegenüber Reuters, die Vorwürfe ernst zu nehmen. Dubais Behörden untersuchen laut der Nachrichtenagentur weitere Verbindungen zwischen Shelbit, den Glücksspielseiten und mutmaßlichen iranischen Finanzstrukturen.
Die Reuters-Recherche beschreibt damit kein abschließend aufgeklärtes Vier-Milliarden-Dollar-Glücksspielgeschäft. Sie zeigt eine nicht lizenzierte Krypto-Börse mit mindestens vier Milliarden Dollar Transaktionsvolumen. Das illegale Glücksspielnetzwerk gehörte zu ihren wichtigsten identifizierten Kunden. Direkte staatliche Kontrolle und der endgültige Verbleib großer Geldbeträge bleiben Gegenstand weiterer Ermittlungen.